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Unsere Stadt
soll grüner werden



Immobilien-Dialog. Weil Stuttgart im Sommer immer heißer wird, will Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn nur noch Neubauvorhaben in der City mit grünen Dächern oder Fassadenbegrünungen genehmigen.

Es ist fast schon Tradition, dass der LBBW Immobilientalk, der am Vorabend des Immobilien-Dialogs stattfindet, von einer kleinen, aber lautstarken Demonstration mit plakativen Sprüchen wie „Wohnraum ist kein Spiel“ und „Gegen den Ausverkauf der Stadt“ vor dem Rathaus begleitet wird.


Demonstration im Vorfeld des Immobiliendialogs zum Wohnungsmangel vor dem Stuttgarter Rathaus

„Das ist bei uns immer so“, erklärt Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit einem Augenzwinkern dann am zweiten Tag den rund 500 Immobilienexperten, die sich zum 12. Immobilien-Dialog Region im Rathaussaal eingefunden haben.

Schmierereien an Rathauswand

Weniger schön waren allerdings diverse Schmierereien wie „Mieten runter“ oder „Enteignung“ am Rathaus, die offenbar von Montag auf Dienstagnacht auf Wände und Boden von Unbekannten gesprüht worden waren.

Weil im Kessel Stuttgarts die Sommer immer heißer werden und die Belastungen für die Städter dadurch stiegen, steht die Dach- und Fassadenbegrünung ganz oben auf der Wunschliste des Oberbürgermeisters. „Wer da nicht mitmacht, hat künftig keine Chancen mehr, noch in der Stuttgarter City zu bauen“, so Kuhn deutlich an die Adresse der Immobilienwirtschaft.

Stuttgart braucht Frischluftschneisen

Die oft gestellte Forderung der Immobilienwirtschaft, mehr Flächen auf der grünen Wiese für die Schaffung von preiswertem Wohnraum zu schaffen, kontert der OB damit, dass die Innenstadt gerade wegen der sich verändernden Klimabedingungen auch Frischluftschneisen brauche. „Ich glaube nicht, dass durch den Neubau von Wohnungen auf der grünen Wiese das Problem der hohen Mietpreise gelöst werde.“


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Talkrunde mit Innenminister Thomas Strobl

Soziale Schieflage


Andererseits sieht aber auch er es als problematisch an, wenn sich ein durchschnittlicher Mitarbeiter der Stadt keine Wohnung mehr in der Landeshauptstadt leisten könne und ins Umland ausweichen müsse, um noch bezahlbaren Wohnraum zu finden. „Dadurch geraten wir in eine soziale Schieflage in der Stadt, die in der Folge den Verkehr belastet“, analysiert er und fordert ein Konzept, das Mobilität, Wohnen und Arbeiten als eine Einheit sieht. Eindeutig auch seine Meinung zu Enteignungen wie in Berlin gefordert: „Damit wird das Problem auch nicht gelöst.“

Thomas Bopp, den Vorsitzenden vom Verband Region Stuttgart, plagen ganz andere Sorgen. Der Flächenmangel im Indus­trie- und Gewerbebereich bereitet den regionalen Wirtschaftsförderern seit Jahren Kopfzerbrechen.“ Das ist vor allem ein Akzeptanzproblem in der Bevölkerung“, sagte er auf dem Immobilien-Dialog.

Über den Tellerrand schauen

Die jüngsten Bürgerproteste gegen eine Ansiedlung von Porsche in Schwieberdingen zeigten dies. „Wenn wir das nicht hinkriegen, läuft etwas schief“, so Thomas Bopp. Er hofft, dass die Schwieberdinger am Ende des Tages „doch noch über den Tellerrand hinausschauen“. Weil immer öfter regional bedeutende Bauvorhaben von den Bürgern in den Gemeinden vor Ort blockiert würden, schlägt Bopp vor, diese Entscheidungen künftig von den Bürgern in der ganzen Region mitentscheiden zu lassen. Widerstände aus der Bevölkerung gibt es auch bei einem anderen Zukunftsprojekt. So sollen bis zum Jahr 2030 in der Region Stuttgart flächendeckend Glasfaserkabel verlegt sein und der Mobilfunkstandard 5G funktionieren. Zwar seien 174 der 179 Städte und Gemeinden dem „Digital-Pakt“ beigetreten, jetzt gehe es aber ans Eingemachte, so Bopp. Neben bürokratischen Hemmnissen – „für dieses in Europa einmalige Projekt gibt es keine Blaupause“ – gebe es viele Widerstände aus der Bevölkerung. In erster Linie gegen neue Funkmasten.

Zehnmal so viele Masten

Innenminister Thomas Strobl ließ am Vorabend beim Immobilientalk indes keinen Zweifel daran, dass es ohne neue Antennen in Zukunft kein 5G-Mobilfunknetz geben werde. Der Minister schätzt, dass für eine Vollabdeckung etwa die zehnfache Anzahl an Masten wie aktuell notwendig sein wird.

Für Professor Peter Bofinger, Mitglied der Commission of Global Economic Transformation an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, bremse die Politik den Immobilienmarkt aus. Was derzeit aus Berlin komme, sei kontraproduktiv. Er widerspricht damit vehement der Behauptung, die Mieten hätten sich in Deutschland dramatisch erhöht. „Im Querschnitt haben sich die Mieten vollkommen normal entwickelt“, sagt er. Außerdem stiegen die Mieten nicht, weil die Vermieter ihre Mieter immer weiter ausquetschen wollten, sondern weil die Nachfrage nach Wohnraum so hoch sei.

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Schmierereien am Stuttgarter Rathaus


Nur Sozialwohnungen helfen

Gesetzliche Regelungen wie eine Mietpreisbremse und eine Deckelung würden dazu führen, dass das Angebot an Mietwohnungen noch weiter reduziert werde, weil Investoren verunsichert durch die Politik ihre Neuinvestitionen zurückschraubten, Bestandshalter nicht mehr modernisierten oder ihre Wohnungen in Eigentumswohnungen umwandelten. Für ihn gibt es bezahlbaren Wohnraum nur durch den Bau neuer Sozialwohnungen. Und das funktioniere nur dann, wenn die Förderung mehrstufig gegliedert und das Einkommen laufend überprüft werde.

Längst haben auch die Investoren den „Reiz“ der Landeshauptstadt entdeckt, wie Frank Leukhardt, Geschäftsführer von Colliers International in Stuttgart, beim anschließenden Investors Talk feststellte. Für Manuel Coskun, Managing Direktor Hines Immobilien, steht längst fest: „Einmal Stuttgart – immer Stuttgart“, wenngleich er sicher ist, dass der Druck auf den Kessel durch den digitalen Wandel und die Mobilität weiter zunehmen werde. Für Michael Ramm, Managing Director bei JP Morgan Asset Management, zeichnet sich Stuttgart vor allem durch eine geringe Leerstandsquote, Marktvolatilität und solide Mieten mit Potenzial nach oben aus.
Ingo Dalcolmo

Der Beitrag erschien am 6. Juli 2019 im Immobilienteil der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Der Autor ist freier Wirtschaftsjournalist und berichtet unter anderem über die Finanz- und Immobilienwirtschaft in der Region Stuttgart.








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